Vicken Parsons' kleinformatige Bilder artikulieren Form, Sujet und Atmosphäre wie Haikus und erzeugen damit eine profunde visuelle und psychische Wirkung. Sie sind zugleich malerisch, skulptural und architektonisch. Der Maßstab, in dem die Künstlerin arbeitet – die Gemälde sind meist nicht größer als 15x20 Zentimeter –, verleiht den Arbeiten eine Intensität, die interessanterweise sowohl konkret als auch illusionistisch wirkt. Parsons trägt dünne Ölfarbschichten bis ganz an die Kanten des Bildträgers auf, dessen fünf Schichten dicken Holzes in die Bildoberfläche einbezogen werden. Ungerahmt und stolz auf die weiße Wand gehängt, werden die Bilder so zu dichten Kleinskulpturen. Gleichzeitig scheint deren dunkles Innenleben durch die Wand Blicke auf den Weltraum freizugeben.
Der Farbgebrauch von Parsons bezieht auch die Materialität der Skulptur mit ein – und die des Bauwesens, in der Tat findet man alle Grautöne einer Steinmetzwerkstatt, von Schiefer über Granit bis zu Beton. Diese harten, hintergründigen Farbtöne werden durch Säulen von strahlendem Weiß oder glänzendem Orange durchbrochen. Die Bildfläche beginnt durch die Überlagerung zweier optischer Effekte scheinbar zu tanzen. Da sind einmal Farbflächen auf der kalten, blaueren Grauseite, die sowohl abgedunkelte Partien auch geritzte, zurückweichende Linien umfassen und ein zerebrales Wiedererkennen von Perspektive erzeugen. Im Gegensatz dazu drängen kreisförmige Auras, schimmernde Rechtecke oder auch intensiv weiße, blassblaue und orange Streifen in den Vordergrund und liefern so einen nachdrücklichen retinalen Punch – den Eindruck einer reinen Blendung.
Die geometrischen Formen werden auch als Sujets wahrgenommen. Ein lang gestrecktes weißes Rechteck wird in lichtblauem Farbton wiederholt, um so in eine Lichtreflexion auf einem Boden verwandelt zu werden. Ein schwarzes Kreuz über einem horizontalen Rechteck verwandelt sich wiederum wie ein einfaches Piktogramm in ein Fenster. Ein von hell nach dunkel schattiertes graues Dreieck wird zur Ecke eines Raums. Eine flache Raute kann auch als Bett gelesen werden. Neben den rein abstrakten Eigenschaften, dem optischen Vor und Zurück, Hinein und Hinaus auf der Bildfläche werden wir damit auch in die Metaphysik des Raums verwickelt.
Parsons führt unser inneres Auge Korridore entlang, durch dunkle Räume und in Tunnels. Unser suchendes Auge tastet intuitiv nach einem Horizont. Bisweilen bietet uns ein Lichtschlitz linderndes Entfliehen. Manchmal aber verstellt uns Parsons den Fluchtweg und wirft unseren Blick auf sich selbst zurück. In ihren Räumen gibt es keine Menschen, Möbel oder andere Gegenstände. Dennoch verweist die Flachheit der abgebildeten Räume auf unsere eigene Anwesenheit in deren Mitte, der Strahl unsrer Taschenlampe blitzt in einer Ecke auf oder schweift suchend über einen Plafond. Ihre klösterliche Strenge können Gefühle der Klarheit, der Erwartung oder Beklemmtheit evozieren. Mit ihrer juwelenhaften Größe, ihren unsicheren, aber dynamischen Oberfläche und ihrer an Vermeer erinnernden Skizzierung von Dunkelheit und Licht schwanken Vicken Parsons' Bilder zwischen dem merklichen Gefühl des Hier und Jetzt und einer fantastischen und poetischen Evokation des Bewusstseinsstroms.
Iwona Blazwick, 2005
Biografie und Ausstellungen
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Like haiku poems, Vicken Parsons’ small paintings articulate form, image and atmosphere to generate a profound visual and psychic impact. They are at once painterly, sculptural and architectonic. The scale on which she works – each painting is frequently no more than 15x20 centimetres - gives her work an intensity that is curiously, both concrete and illusionistic. Applying thin layers of oil paint onto a panel, Parsons applies colour right up to its very edge, incorporating all five planes of a thick wooden board into the picture surface. Hung unframed, proud against a white wall, her paintings become dense little sculptures. At the same time their images of dark interiors appear to punctuate the wall with glimpses of deep space.
Parsons use of colour also relates to the materials of sculpture - and of construction, indeed an entire stone mason’s yard of greys, from slate to stone, granite to concrete. These hard, recessive, tonalities are interrupted by shafts of luminous white or brilliant orange. The picture surface dances, through the juxtaposition of two optical effects: planes of colour on the cool, bluer side of grey, with darkening tones and scored, receding lines, create a cerebral recognition of perspective. By contrast, circular auras, glowing rectangles or intense strips of white, pale blue and orange rush forward delivering a resounding retinal punch, a sensation of pure dazzle.
These geometric forms also double as images. A long white oblong is repeated in pale blue to become transformed into the reflection of light on a floor. Like a simple pictogram, a black cross rendered across a horizontal rectangle transforms it into a window; a grey triangle, gradated from light to dark, the corner of a room. A flat lozenge may be read as a bed. As well as a purely abstract, optical dynamic back and forth, in and out of the picture plane, we are also engaged in the metaphysics of space.
Parsons leads our mind’s eye along corridors, around dark rooms and into tunnels. Our desiring eye intuitively searches for a horizon. Sometimes a slit of light offers the consolation of an escape. Sometimes, however, Parsons denies us any way out, throwing our gaze back on itself. Her rooms are empty of people, furniture or objects. However the shallowness of the spaces she depicts implies our own presence in the centre of these rooms, flashing a torch into the corner of a room, or peering up towards a ceiling. Their monastic austerity can evoke a sense of serenity, expectation or anxiety. In their jewel-like scale, their tentative yet dynamic surface and their Vermeer-like suggestion of darkness and light, Vicken Parsons’ paintings hover between a palpable sense of the here and now, and a fantastical and poetic evocation of the life of the mind.
Iwona Blazwick,
2005
biography and exhibitions |
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